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Extrasens-Artikel

Eine etwas andere, aber wahre Weihnachtsgeschichte
Von Ursula Schneider

Odyne, ein Schutzengel mit Sonderaufgaben, blätterte im Tagebuch. Sein Blick blieb bei der Eintragung vom 24. 12. des Vorjahres haften und seine Gedanken eilten zurück:

Die Großfamilie - das waren die Urgroßeltern mit ihren zwei Töchtern nebst Schwiegersöhnen und die einzige Enkelin Uschi - wollte das Weihnachtsfest wieder gemeinsam verbringen. "Na, da können wir doch wieder einmal ein Lehrstück landen", dachte Odyne und schmunzelte feinsinnig vor sich hin.

Uschi machte derzeit ihr Praktikum als Krankenschwester in einem privaten Heim für behinderte Kinder. Die meisten dieser armen Wesen würden zum Weihnachtsfest nach Hause geholt werden, doch einige hatten kein Zuhause und mußten daher im Heim bleiben. Zu diesen Kindern zählte auch Willi, ein dreijähriger Junge, der von der Hüfte an abwärts gelähmt war. Trotz - oder vielleicht gerade wegen - seiner Behinderung hatte die Natur ihn mit einem besonders sonnigen Wesen beschenkt. Sein Lächeln war einfach umwerfend und hatte schon manche "angerostete Herzenstür" geöffnet. Und so kam Uschi auf die Idee, Willi zu Weihnachten mit nach Hause zu nehmen - und ihm und ihrer Familie ein besonderes Fest zu schenken.

Doch die Idee stieß zunächst auf Widerstand. Man war in der Familie unsicher im Umgang mit Behinderten und scheute den Konflikt zwischen Mitleid und Entsetzen. Und gerade am Weihnachtsfest wollte man nicht mit diesen "Lehrstücken des Schöpfers" konfrontiert werden. Die Argumente waren nicht so einfach vom Tisch zu wischen: "Man sollte diese armen Wesen nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reißen, denn dort sind sie derzeit am besten aufgehoben!" "Nach einem solchen Tag in einer Großfamilie ist die Rückkehr ins Heim für den Jungen doch um so schlimmer“, wobei ein ungesagtes "vielleicht auch für uns" mitschwang!

Doch Uschi ließ nicht locker. "Besser ein paar wenige glückliche Stunden, als gar keine", dachte sie und brachte Willi am Weihnachtstag einfach mit.

Die Familie war bereits versammelt. Die Überrumpelung gelang und Freude kam auf. Jedes Familienmitglied wollte Willi auf den Arm nehmen und ein wenig "knuddeln". Ohne jegliches Befremden ließ er die ungewohnt üppigen Zärtlichkeiten nicht nur über sich ergehen - er genoß sie sogar sichtlich. Danach wurde er in eine wahre "Kissen-Burg" gepackt, so daß er von der Couch nicht herunterfallen konnte. Er strahlte weiter in die ungewohnte Runde und mümmelte krümelnd die ihm dargebotenen Plätzchen. Sein Strahlen "knackte" auch das letzte noch zögerliche Herz.

Als dann die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet wurden, jubelte Willi laut auf. Er zeigte auf die Lichter und stammelte ungläubig "...cht, ...cht", was wohl "Licht, Licht" heißen sollte. Uschi setzte ihn auf den Boden, und mit einer unerwarteten Geschwindigkeit "robbte" er geschickt mit den Armen auf den Weihnachtsbaum zu, den gelähmten Unterkörper hinter sich herziehend. Auf dem Bauch liegend, starrte er auf die Lichterpracht und konnte sich nicht satt sehen. Er jauchzte immer wieder vor Entzücken und versuchte, sich aufzurichten und mit den Händen die Lichter zu ergreifen, was ihm aber wegen seiner gelähmten Körperhälfte nicht gelang. Doch sein Glücksgefühl wurde dadurch in keiner Weise beeinträchtigt.

Gebannt und gerührt beobachtete die ganze Familie das Geschehen. Tränen stahlen sich in so manches Auge - Tränen der Scham, bei denen, die aus Angst vor den eigenen Gefühlen den Besuch von Klein-Willi hatten verhindern wollen - und Tränen der Rührung bei den anderen.

Alle wurden reich beschenkt: "Das ist seit langem unser schönstes Weihnachtsfest", war die einhellige Meinung, als Willi schließlich selig lächelnd, in den Armen der glücklichen Uschi eingeschlafen war.

"Gott selber hat uns wohl diesen kleinen Jungen geschickt, um uns an das große Geschenk zu erinnern, das er jedem Menschen in die Wiege gelegt hat und das oft vom Alltagsgrau überschattet wird: "Die Freude am Leben", meinte Urgroßvater Günther.

"Leben ist immer Freude und Hoffnung - auch dann, wenn es nach dem Verständnis der Menschen nicht vollkommen ist. Dieser kleine Junge hat es Euch vorgelebt - und zwar am Geburtstag des Kindes, das vor mehr als 2000 Jahren genau diese Werte in die Welt brachte: Liebe, Freude und Hoffnung! Gott sei Dank, daß Ihr es begriffen habt", freute sich Odyne.

Für Willi wurde die Großfamilie für lange Zeit zur zweiten Heimat - nicht nur zum Weihnachtsfest.

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